Alumni-Porträts

Erfolgsgeschichten der WiSo

Jährlich verlassen die WiSo Nürnberg viele Absolventinnen und Absolventen und hinter ihnen liegt eine der prägendsten Zeiten ihres Lebens. Denn das Studium hat die Absolventinnen und Absolventen auf den nächsten Lebensabschnitt – den Beruf vorbereitet. Mit den Portraits verschiedener Alumni möchte die WiSo ihren potentiellen Neu-Studierenden die Vielfalt und Möglichkeiten aufzeigen, wie es nach dem Studium weitergehen kann. Im Interview erzählen ausgewählte Alumni daher, wie sie ihren Weg gefunden haben, was sie motiviert und was sie heute beruflich machen.

Mit diesen Portraits will die WiSo zeigen, wie eng die Verbindungen zwischen der Universität, ihren Absolventinnen und Absolventen und der Region ist – und wie stark die Wirkungen darüber hinaus. Möchten Sie sich auch gern „portraitieren“ lassen? Dann schreiben Sie uns unter wiso-alumni@fau.de

Dr. Nicolas Bissantz promovierte von 1993 bis 1996 am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik I des Fachbereich Wirtschaftswissenschaften. 1996 gründete er das Softwareunternehmen Bissantz & Company GmbH als Technologie-Spin-Off einer Forschungsgruppe, in der er Mitglied war. Als Doktorand entwickelte Dr. Bissantz zwischen 1993 und 1996 zusammen mit seinem Kollegen und jetzigem Mitgesellschafter Dipl.-Inf. Michael Westphal Grundlagen für die Automation der Datenanalyse. Das Analysieren von Daten im betriebswirtschaftlichen Umfeld gehört zur Kernkompetenz von Bissantz. Hierfür entwickelt das Unternehmen leistungsfähige Software und Analysetechnologie. Bissantz befindet sich mittlerweile an drei Standorten – Nürnberg, Hamburg, Darmstadt – und beschäftigt mehr als 120 Mitarbeiter. 2007 erhielt Dr. Bissantz den Innovationspreis der Gesellschaft für Informatik e.V.

Dr. Bissantz, Sie haben als Doktorand an der hypothesenfreien Recherche in großen, heterogenen Datenbeständen geforscht. Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Hypothesenfreiheit erwies sich als Illusion – jede Methode birgt eine Hypothese in sich. Ebenso braucht die Heterogenität doch eine gewisse Ordnung. Davon abgesehen, haben sich Heuristiken, die den gesunden Menschenverstand mathematisch abbilden, auf faszinierende Weise bewährt. Ein Beispiel ist die Suche nach Abweichungsursachen: Die Maschine kann durch schiere Rechenleistung auch Sackgassen prüfen. Sie zeigt dem Menschen dann den kürzesten Weg zum Wer und Wo. Mit seinem Hintergrundwissen erkennt der Mensch darin dann das Warum.

Ihr Unternehmen ist eine Ausgründung der WiSo. In wieweit hat der Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik I zur Gründung beigetragen?

Zentrale Erkenntnisse, die uns bis heute voranbringen, und wichtige Methoden sind am Lehrstuhl entstanden. Es wollte sie nur damals keiner aus der IT-Szene haben. Deswegen ist die Ausgründung eine Art Trotzreaktion gewesen. Zudem war ich der erste Teilnehmer des Flügge-Programms. Ich behielt eine Weile ein halbe Stelle am Lehrstuhl, während ich den Rest der Zeit schon am eigenen Unternehmen werkelte. Die moralische Unterstützung übertraf den monetären Wert der Besoldung um ein Vielfaches. Wenigstens die Miete sicher bezahlen zu können, beruhigte mich ungemein. Für die Gründung mussten damals zunächst 20.000 D-Mark reichen.

Das Erfolgsprodukt von Bissantz & Company GmbH ist die sogenannte „Business-Intelligence-Software DeltaMaster 6“. Wo wird die Software eingesetzt und wie funktioniert sie?

Wir docken uns typischerweise an große und meist heterogene Unternehmensdatenbanken an, sogenannte ERP-Systeme. In Nachtläufen werden entscheidungsrelevante Daten geladen, strukturiert und aufbereitet. Daraus generiert DeltaMaster methodisch durchdachte Berichte, die den Anwendern Signale geben, wo sie tiefer „bohren“ müssen. Diese Bohrungen erfolgen mit den Automatismen, die an der FAU entstanden sind und die wir über 20 Jahre verfeinert haben. Das ist für jedes größere Unternehmen wichtig, ob im Mittelstand oder den Großkonzernen. Unser DeltaMaster ist beispielsweise bei ABUS, Datev, Leica, Porsche, Schwartau und Siemens im Einsatz.

Sie sind nach wie vor eng mit der FAU und dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften verbunden, zum Beispiel in dem Sie Gastvorträge halten.
Was bedeutet Ihnen dieses Engagement?

Sehr viel. Mit einer Ausgründung aus einer deutschen universitären Einrichtung ohne Fremdkapital den VC-Start-ups und IT-Riesen 20 Jahre Paroli bieten zu können, ist für mich ein wunderbarer Beweis dafür, dass gründliches Nachdenken mit Geld nicht zu schlagen ist. Für einen wirtschaftsliberalen Datenphilosophen wie mich geht damit täglich aufs Neue ein Traum in Erfüllung.

Gibt es etwas aus Ihrer Studienzeit, woran Sie sich besonders gerne erinnern?

Wie wahrscheinlich alle Studenten dieser Welt genossen wir Rituale, die es bis heute so in Nürnberg gibt. In der Mensa saß man im Sommer im Freien. Abends bekam man für studentisches Budget Souvlaki beim „Graf Moltke“. An der Uni gefiel mir, dass wenigstens in Marketing und Wirtschaftsinformatik durch Eingangsvoraussetzungen der Ehrgeiz angestachelt wurde. Der H4 mit über 1.000 Studenten war mir ein Graus.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Kommilitoninnen und Kommilitonen?

Einige von ihnen bilden das Rückgrat unseres Unternehmens. Mit anderen miete ich einmal im Jahr ein Haus am Mittelmeer. Andere findet man in den sozialen Medien wieder. Mit manchen steht man in Geschäftskontakt.

Dieselbe Alma Mater verbindet stärker, als einem bewusst ist

Aber die Deutschen sind streng miteinander. Wer sich von früher kennt, beäugt sich zunächst misstrauisch, bevor man empfiehlt oder gar bestellt. Das ist manchmal kühl, macht aber das Land so wettbewerbsfähig. Wenn ich einen Kommilitonen überzeugen kann, kann ich alle anderen auch überzeugen.

Was ist für Sie das besondere an der FAU und der WiSo?

Nürnberg hat im Mittelalter die Idee hervorgebracht, dass Schüler von Meistern lernen. Das gibt es in anderen Ländern bis heute so nicht. Am Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik I von Prof. Mertens hieß man scherzhaft Zauberlehrling. Im Nachhinein meine ich, diese Idee in seiner modernisierten Form erlebt zu haben. Man sagt, dass Meisterschaft ab 10.000 Stunden Beschäftigung mit einem Thema beginnt. „Work-Life-Balance“ wirkt gegen solche Ideale hüftsteif. Jedenfalls habe ich an der WiSo den Wert beharrlicher Arbeit zu schätzen gelernt. Dort durfte ich lange Jahre ein tiefes Loch bohren. In unserer absurd fahrigen Arbeitswelt kann man solchen Luxus gar nicht hoch genug bemessen.

Interview: Christina Dworak, FAU (2017)
Bild: Frank Kretschmann

Christine Bruchmann, geboren 1959 in Nürnberg, absolvierte von 1979 bis 1986 ein BWL-Studium an der WiSo Nürnberg, welches sie als Diplom-Kauffrau abschloss. Gleichzeitig ließ sie sich im Familienunternehmen, der Moritz Fürst GmbH & Co. KG (Fürst Gruppe) zur Industriekauffrau ausbilden. Danach war sie unter anderem bei der Gillette Deutschland GmbH und der Randstad Deutschland GmbH tätig und kehrte 2005 nach Franken und in das Familienunternehmen zurück, um als geschäftsführende Gesellschafterin dessen Leitung zu übernehmen. Im Interview erinnert sich Christine Bruchmann an ihre Zeit an der FAUWiSo und erzählt, welche Werte ihr als Geschäftsfrau am Herzen liegen.

Da ich so viele positive Erinnerungen an meine alte Alma Mater, die FAU, habe, interessiere ich mich einfach für deren Entwicklung.

Frau Bruchmann, Sie haben an der FAUWiSo BWL studiert. Warum haben Sie sich damals für die FAU entschieden?

Die FAUWiSo hatte damals schon einen sehr guten Ruf im Studienfach Betriebswirtschaftslehre. Außerdem habe ich parallel zu meinem Studium in Nürnberg eine Ausbildung zur Industriekauffrau absolviert.

Was haben Sie an Ihrem Studium an der FAUWiSo besonders geschätzt?

Den Austausch mit anderen Studierenden, die super Kneipenszene und in meinem Hauptfach Marketing das Marketingseminar bei Prof. Ludwig Berekoven mit der Firma Beiersdorf.

Nicht nur verbissen lernen, sondern das Leben auch genießen, Freundschaften und Kontakte knüpfen, die einem im Leben oft mehr bringen als eine gute Note.

Sie sind Mitglied im Kuratorium der FAU und im Beirat des Universitätsbundes. Was bedeutet Ihnen dieses Engagement für die FAU?

Da ich so viele positive Erinnerungen an meine alte Alma Mater, die FAU, habe, interessiere ich mich einfach für deren Entwicklung. Ich unterstütze auch finanziell einige Projekte, die mich interessieren.

Was möchten Sie den heutigen Studierenden mit auf den Weg geben?

Die Studienzeit ist eine so schöne Zeit und kommt nie wieder. Nicht nur verbissen lernen, sondern das Leben auch genießen, Freundschaften und Kontakte knüpfen, die einem im Leben oft mehr bringen als eine gute Note. Durch den Umgang mit anderen reift die Persönlichkeit. Man sollte sich auch außerhalb des Studienbetriebs engagieren.

Sie sind seit 2005 geschäftsführende Gesellschafterin der Fürst Gruppe. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Es gibt keinen typischen Arbeitstag bei mir. Als Inhaberin der Fürst Gruppe mit ca. 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus 80 Nationen in 4 Geschäftsbereichen – Sauberkeit, Sicherheit, Personaldienstleistung und Outsourcing – ist jeder Tag anders. Mein Schwerpunkt liegt im Fördern und Fordern meiner Führungskräfte durch eine werteorientierte menschliche Führungskultur.

Sie haben bei der Fürst Gruppe Ihre Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht und waren danach unter anderem bei der Gillette Deutschland GmbH in Berlin und Köln tätig. Was hat Sie dazu bewogen, wieder nach Franken zurückzukommen?

Ich habe 1986 im Oktober bei der Gillette Deutschland GmbH als Vertriebstrainee angefangen. Sieben Jahre lang habe ich durch wechselnde Einsatzorte eine Wochenendehe mit meinem Mann – den ich an der FAU kennengelernt habe – geführt. Als unser Sohn Jan 1993 auf die Welt kam, zogen wir zusammen nach Berlin, wo ich acht Wochen nach der Geburt wieder Vollzeit meinem Job als Key Account Director Deutschland nachging. Danach ging es bei der Perstorp Flooring GmbH für drei Jahre nach Weinheim und danach sechs Jahre bei Randstad Deutschland nach Wiesbaden und Köln. Als mein Vater mich 2004 fragte, ob ich seine Firma Fürst in Nürnberg übernehmen möchte, habe ich zugesagt und lebe seitdem glücklich und zufrieden im Frankenland.

Sie sind nicht nur Geschäftsfrau, sondern bekleiden auch zahlreiche Ehrenämter. Was motiviert Sie sich ehrenamtlich zu engagieren?

Zum einen interessieren mich die Inhalte bei meinen Ehrenämtern. Zusätzlich zu Beirat und Kuratorium der FAU bin ich unter anderem Handelsrichterin, Mitglied des Kuratoriums des Marketing Clubs Nürnberg, Mitglied im Rotary-Club Nürnberg/Neumarkt sowie Vizepräsidentin der IHK Nürnberg. Zum anderen möchte ich der Gesellschaft etwas zurückgeben, finanziell und zeitlich. Ich bin sehr dankbar, dass es mir gut geht, ich viele Chancen in meinem Leben bekommen habe und Menschen kenne, die mich lieben und für mich da sind.

Vielen Dank für das Interview, Frau Bruchmann.

Anna Dimitrova wurde in Bulgarien geboren und kam 1996 mit ihrem heutigen Ehemann nach Deutschland, um an der WiSo Marketing, Wirtschaftsinformatik und Controlling zu studieren. 2001 erlangte sie in ihrem Jahrgang den besten Abschluss als Diplomkauffrau. Zuvor studierte Frau Dimitrova an der Universität für National- und Weltwirtschaft in Sofia. 2001 begann ihre Karriere bei Vodafone Deutschland (damals noch Mannesmann D2) im Bereich Marketing. Es folgten bedeutende Positionen und Aufgaben wie die Restrukturierung der tschechischen Vodafone-Tochter als Finanzchefin oder die Integration von Kabel Deutschland mit 3.500 Mitarbeitern. Im Dezember 2014 wurde Anna Dimitrova Mitglied der Geschäftsleitung Strategy & Corporate Development bei Vodafone Deutschland. Seit dem 1. April 2016 ist sie Geschäftsführerin Strategy & Digital.

Nur wenige Sachen sind von Natur aus männlich oder weiblich und Berufe und Karrieren zählen sicherlich nicht dazu.

Frau Dimitrova, Sie haben an der FAU Marketing, Wirtschaftsinformatik und Controlling studiert. Warum haben Sie sich damals für ein Studium an der WiSo entschieden?

Ich komme ursprünglich aus Sofia, Bulgarien. 1996 wollte ich unbedingt Wirtschaft studieren, denn ich wollte Unternehmerin werden, das Business verstehen und lernen, was Marktwirtschaft bedeutet und wie sie funktioniert. Da ich in Österreich aufgewachsen bin und deutsch sprach, war es klar für mich – ich werde in Deutschland oder Österreich studieren. Meine Präferenz war Deutschland, da das Land viel grösser ist und damit mehr Möglichkeiten vorhanden sind. Warum Erlangen- Nürnberg? Weil das die einzige Uni war, die damals beide – mich und meinen Mann (damals Freund) – aufgenommen hat. Also war Glück dabei und wir haben unsere Chance genutzt.

Was hat Ihnen an Ihrem Studium besonders gut gefallen?

Dass es viel Neues und Unbekanntes zu lernen gab. Wir haben in Erlangen gewohnt und ich fand den Mix aus Groß- und Kleinstadt, wie eben bei Nürnberg und Erlangen, optimal, da ich ziemlich viel gelernt habe. Erlangen ist ziemlich klein, also konnte ich mich gut auf mein Studium konzentrieren und wurde nicht abgelenkt. Ich muss gestehen, den fränkischen Akzent zu verstehen fiel mir nicht leicht, aber das habe ich auch geschafft, denn die Professoren haben Hochdeutsch gesprochen.

Was haben Sie im Studium für Fähigkeiten gesammelt, die Sie noch heute einsetzen?

Da gibt es Einiges, wie zum Beispiel Expertenwissen in den Bereichen Preistheorie und -politik sowie Beziehungsmanagement. Insbesondere Programmieren in SQL (Structured Query Language, dt.: Strukturierte Abfrage-Sprache) und alle Konzepte des Kostenmanagements sowie Gewinn und Verlust-Steuerung (GuV) Steuerung haben mir bei meinem Berufsstart sehr geholfen, denn mein erster Job im Marketing bei Vodafone hat viel davon vereint. Ich war Tarifentwicklerin und habe meine Programmierkenntnisse eingesetzt, um Tarife zu simulieren, mein Pricing-Knowhow, um aus Kundensicht attraktive Tarifen zu entwickeln und das geballte Wissen zu Margensteuerung, um profitable Tarife zu entwickeln. Und dies werde ich mein Leben lang nicht vergessen…na gut, programmiert habe ich seit Jahren nicht mehr.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Kommilitoninnen und Kommilitonen?

O ja, meine beste Freundin ist Astrid Kloos, sie ist Customer Sales Direktorin bei Nestle und wir sehen uns oft und verbringen gern mit unseren Familien den Urlaub zusammen. Neulich habe ich auch Prof. Dr. Alexander Haas getroffen, der bis 2006 wissenschaftlicher Assistent am Lehrtstuhl für Marketing der FAU war. Mit Prof. Dr. Dr. h. c. Hermann Diller, der zu meiner Studienzeit Inhaber des Lehrstuhls für Marketing an der FAU war, hatten wir auch häufig Kontakt.

Ihre Fächerkombination aus Marketing, Wirtschaftsinformatik und Controlling wirkt sehr ungewöhnlich. Warum genau diese Fächer?

Ich finde die Kombination eigentlich ziemlich eng verwandt, zumindest in der heutigen Wirtschaft. Controlling, weil ich als Unternehmerin die P&L (Profit and Loss, dt.: Gewinn und Verlust), die Bilanz und alle Hebel verstehen muss. Marketing, weil ich im Grundstudium entdeckt habe, dass Marketing viel mit Zahlen zu tun hat, und ich fand das großartig. Informatik war ein Deal mit einem Freund – wenn er Marketing wählt, wähle ich Informatik. Diese Fächerkombination würde ich wieder wählen und empfehle neuen Studierenden, die Entscheidung, welche Fächer sie studieren möchten, strategisch zu treffen.

Sie sind seit April 2016 Geschäftsführerin Strategy & Digital bei Vodafone Deutschland. Was sind Ihre Aufgaben?

Ich habe ein sehr spannendes Aufgaben-Portfolio. In einem Satz, ich und mein Team haben die Verantwortung, Vodafone Deutschland für die digitale Zukunft aufzustellen. Wir arbeiten an unserer zukünftigen Infrastruktur mit 5G und Glasfaser, an der Digitalisierung, e-commerce und e-care, entwickeln Innovationen wie Autonomes Fahren, Smart City, Industrie 4.0.

Ihre Karriere bei Vodafone Deutschland begann bereits 2001 im Marketingbereich. Seitdem sind Sie über verschiedene Management-Positionen innerhalb des Unternehmens immer weiter aufgestiegen. Hat dazu auch Ihr Studium an der FAU beigetragen?

Selbstverständlich. Einerseits natürlich durch die Fachkenntnisse, die ich erworben habe, aber vielmehr durch die Feuerprobe, Mut zu zeigen, offen zu sein und Herausforderungen anzunehmen.

Was würden Sie vor allem Studentinnen mit auf den Weg geben, die eine Karriere in einer nach wie vor von Männern dominierten Branche wie der Telekommunikation anstreben?

Zunächst einmal gilt es, sich selbst nicht in eine Schublade zu stecken oder von anderen stecken zu lassen. Nur wenige Sachen sind von Natur aus männlich oder weiblich und Berufe und Karrieren zählen sicherlich nicht dazu. Aber praktische Fähigkeiten wie Programmieren oder digitale Fähigkeiten helfen, über Stereotypen hinauszuwachsen. Vor allem gilt es, an sich selbst zu glauben.

Vielen Dank für das Interview, Frau Dimitrova.

Bild: Alexander Percovic

Fast jeder benutzt sie mindestens einmal täglich – Internet-Suchmaschinen wie Google oder Bing. Die Server, über die solche Suchmaschinen laufen, verbrauchen immense Mengen an Energie und tragen damit wesentlich zum CO2-Ausstoß und somit zum Klimawandel bei. In der heutigen durchdigitalisierten Welt ist es jedoch fast unmöglich auf diese Suchmaschinen zu verzichten. Aber geht es nicht trotzdem nachhaltig? Diese Frage stellte sich auch Christian Kroll, der von 2003 bis 2007 Betriebswirtschaftslehre an der Nürnberger WiSo studierte, und gründete 2009 die ökologische Suchmaschine „Ecosia“. Mittlerweile ist sie laut Kroll Europas größte Suchmaschine.

Was das Besondere an „Ecosia“ ist, wie seine Zeit an der FAUWiSo ihn geprägt hat – das und einiges mehr hat uns Christian Kroll im Alumni-Interview verraten.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine ökologische Suchmaschine zu programmieren?

Bei mir war es so, dass ich schon während des Studiums an der FAU ein kleines Internetprojekt hatte. Bei dem Projekt ging es darum eine Webseite zu programmieren, mit der die Leute verschiedene Online-Banken und Broker vergleichen konnten, um sich für einen der Dienste entscheiden zu können. Um Trafic auf diese Seite zu bekommen, musste ich Geld an Suchmaschinen überweisen und habe so schnell mitbekommen, was für ein gutes Geschäftsmodell zum Beispiel Google hat. So kam die Idee, dass ich etwas im Bereich Suchmaschinen machen wollte.

Gleichzeitig habe ich während einer längeren Weltreise, die ich nach dem Studium gemacht habe, gemerkt, was für ein großes Problem der Klimawandel ist und wie viel soziale Ungerechtigkeit und Naturzerstörung es auf unserem Planeten gibt. Dagegen wollte ich etwas unternehmen und habe festgestellt, dass Bäume pflanzen eine der besten Arten ist wie man all diese Probleme angehen kann. So kam die Idee für eine Suchmaschine, die Bäume pflanzt.

Wie ist der Name entstanden?

„Ecosia“, das war für mich ein bisschen die Idee von Utopia oder sogar Fantasia oder Malaysia. Also eine Welt, wo ein ökologisches, nachhaltiges Leben mehr oder weniger stattfindet und vielleicht auch ein bisschen eine Fantasiewelt, zumindest zu aktuellen Zeitpunkt. Ecosia – das ist für mich eine Art grünes Utopia.

Was macht „Ecosia“ zu einer ökologischen Suchmaschine und wie funktioniert das?

Der größte Effekt, den wir bei „Ecosia“ haben, ist natürlich, dass wir unsere gesamten Gewinne in Baumpflanzprojekte oder grüne Projekte investieren. Jeden Monat gehen mindestens 80 Prozent unserer Gewinne in Baumpflanzprojekte, wodurch vielen Menschen und auch Ökosystemen geholfen wird. Vor allem aber wird pro Suche ein Kilogramm CO2 absorbiert und da viele Menschen viele Suchanfragen tätigen, kommt da sehr schnell ein großer Effekt zusammen. Das ist die positivste Auswirkung von „Ecosia“.

Zusätzlich sind wir auch in den kleineren Dingen ökologisch, das heißt, wir sind nicht nur 100 Prozent CO2-neutral was unsere Server angeht, sondern 200 Prozent. Wir haben genug Photovoltaik-Kraftwerke gebaut, um nicht nur unsere Server mit grünem Strom zu versorgen, sondern um sogar noch mehr grüne Energie in das Netz einzuspeisen. Das ist auch ein sehr wichtiger Aspekt von „Ecosia“, dass keine negativen Emissionen durch den Betrieb entstehen.

Zudem gibt es jeden Mittwoch ein Frühstück und Mittagessen bei „Ecosia“, wo es nur vegetarische Kost gibt. Wir versuchen auch Flugreisen so gut es geht zu vermeiden, aber wenn es mal nicht anders geht, dann neutralisieren wir die natürlich. Diese Dinge, die leider noch nicht bei allen Unternehmen Standard sind, es aber meiner Meinung nach sein sollten, machen wir schon seit Jahren. Auf diese Weise versuchen wir ein Vorbild zu sein auch für andere Unternehmen, die sich in diesem Bereich noch schwertun.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne für „Ecosia“ aus?

Wir wollen natürlich weiterhin viele Bäume pflanzen und wachsen, denn je mehr Menschen „Ecosia“ nutzen, desto mehr Bäume können wir pflanzen. Zusätzlich wollen wir eine Suchmaschine programmieren, die den Menschen hilft nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Wenn man beispielsweise in ein paar Monaten oder Jahren bei „Ecosia“ nach einem Flug von München nach Berlin sucht, dann zeigen wir vielleicht Flugoptionen ab, weisen aber auch darauf hin, dass man lieber den Zug nehmen sollte, um mehrere 100 Kilogramm CO2 einzusparen.

Wir wollen nicht nur eine Suchmaschine sein, die Bäume pflanzt, sondern auch eine, die Leuten hilft grüner zu handeln. Zudem wollen wir mit „Ecosia“ natürlich auch ein Vorbild sein. Wir haben schon mehrere größere Unternehmen tatsächlich dazu inspiriert, ihre Nachhaltigkeitsziele höher zu stecken.

Was hat Sie 2003 zum BWL-Studium an die FAU bzw. die WiSo geführt?

Als ich 16 Jahre alt war, habe ich das erste Mal mit Aktien gehandelt, bin so auf BWL gekommen und fand das sehr spannend. Nicht unbedingt, um damit reich zu werden, sondern das war mehr oder weniger ein interessantes Spiel während der Schulzeit. So kam ich auf die Idee Bank- und Börsenwesen zu studieren und da war der Lehrstuhl in Nürnberg sehr renommiert – und so bin ich in Nürnberg gelandet.

Mein Fokus ist später etwas weg von den Börsen gegangen, weil ich gemerkt hab, dass das nicht unbedingt das ist was mich glücklich macht. Ich denke, das Studium war eine gute Grundlage für meine Entscheidung, Geschäftsführer eines Unternehmens zu werden.

Was ich mir damals allerdings gewünscht hätte, wäre ein Fokus weg vom reinen Shareholder Value hin zu der Verantwortung, die man als Unternehmer oder als Mitarbeitender in einer führenden Position in einem Unternehmen für die Gesellschaft hat. Es gab mal den Lehrstuhl für Wirtschaftsethik, aber das war nur eine Art Randfach. Ich hätte mir gewünscht, dass das mehr im Zentrum des Studiums steht.

Wie würden Sie die Rolle Ihres Studiums an der FAU für die Gründung von „Ecosia“ und für Ihre Tätigkeit als CEO einschätzen?

Wie ich oben bereits angedeutet habe, war das Studium eine gute Basis. Ich verstehe so ein paar Sachen wie Steuern, Finanzierung oder auch Buchhaltungsthemen. Wenn ich das nicht gelernt hätte, dann müsste ich vermutlich viel nachholen, von daher war das Studium in dieser Hinsicht sehr nützlich. Zu denken wie ein Betriebswirt und zu verstehen, wie die Wirtschaft generell funktioniert, ist meiner Meinung nach wichtig, wenn man die Welt verändern möchte. Daher bin ich sehr dankbar für diese Basis.

Hatten Sie auch mal Angst zu scheitern?

Eigentlich nicht wirklich. Meine Bedenken waren eher, dass es nicht schnell genug geht. Wenn man sieht, wie schnell der Klimawandel voranschreitet, dann muss noch sehr viel mehr passieren und das ist das, wo bei mir die Angst herkommt. Der Klimawandel ist die größte Herausforderung der Menschheitsgeschichte. Die Corona-Pandemie ist ein großes Event, aber der Klimawandel ist meiner Meinung nach tausendmal schlimmer und bedrohlicher. Da kommt etwas Gigantisches auf uns zu und ich habe das Gefühl, dass viele das noch nicht verstanden haben. Es kommt zwar so langsam ein Wandel, aber wir tun bei weitem noch nicht genug, um letztendlich das Überleben unserer Zivilisation sicherzustellen.

Gibt es etwas aus Ihrer Studienzeit, an das Sie sich besonders gerne erinnern?

Nürnberg ist eine sehr sympathische Stadt. Sie hat die richtige Größe zum Studieren und gerade mit meinen Kommilitonen und Kommilitoninnen hatten wir eine ganz tolle Zeit und ein tolle WG, in der es viele Partys gab. Das war eine schöne Erfahrung. Ich hätte vielleicht noch ein Auslandssemester machen können, aber dafür habe ich mir ja danach die längere Auszeit gegönnt und bin eineinhalb Jahre um die Welt gereist, um ein besseres Bild vom Ausland zu bekommen.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Kommilitonen und Kommilitoninnen?

Die gesamte Studierendentruppe von damals trifft sich tatsächlich mehrmals im Jahr. Die meisten sind zwar im Süden von Deutschland während ich in Berlin bin, aber ab und zu schaffe ich es auch zu den Treffen – der Kontakt besteht also auf jeden Fall noch.

Wo sehen Sie noch dringenden Handlungsbedarf im Bereich Umweltschutz?

Wir müssen vor allem erstmal damit aufhören, Wälder abzuholzen. Das ist so ziemlich das dümmste, was man tun kann, da dabei massive CO2-Emissionen entstehen. Dann müssen wir anfangen Wälder wieder aufzuforsten. Wenn wir das Problem des Klimawandels lösen wollen, brauchen wir in den nächsten 20 Jahren eine Billionen Bäume, die zusätzlich gepflanzt werden müssten und davon sind wir noch sehr weit entfernt.

Ein weiterer Bereich, in dem ein großer Wandel erfolgen muss, ist die Landwirtschaft. Momentan haben wir eine Landwirtschaft, die vor allem CO2 ausstößt und Ökosysteme zerstört. Wir brauchen aber eine Landwirtschaft, die Ökosysteme repariert und CO2 bindet, indem Humus aufgebaut wird. Kurz gesagt: Wir müssen weg von einer chemischen Landwirtschaft, hin zu einer ökologischen Landwirtschaft. Das hätte auch ganz viele andere positive Effekte: Die Nahrung würde gesünder werden und könnte Krebserkrankungen reduzieren.

Generell sollte ein Umdenken stattfinden. Wir Menschen dürfen nicht mehr davon ausgehen, dass wir die Welt so zerstören können, dass sie uns so viele Produkte wie möglich liefert. Wir sind Teil dieses Planeten und wir müssen für diesen Planeten sorgen. Wir müssen weg von dem Gedanken, dass wir diese Welt dominieren können, und damit anfangen sie zu reparieren. Wir müssen auch dafür sorgen, dass er für alle Lebewesen und künftige Generationen eine schöne und funktionierende Heimat sein kann.

Weitere Informationen auch direkt unter www.ecosia.org oder im entsprechenden Wiki-Artikel. Ein weiteres ausführliches Interview finden Sie auf my-green-choice.de.

Foto: Shane McMillan

Ob Terminkalender, Kontaktdaten, das Bearbeiten von Dokumenten oder E-Mails schreiben – das Smartphone ist für viele längst zum digitalen und mobilen Büro geworden. Auch Studierende nutzen ihre mobilen Endgeräte zunehmend für die Organisation ihres Studiums und das Lernen. Eine App, die das Lernen unterstützt, haben die WiSo-Alumni Quirin Malcherzyk und Pascal Pierre zusammen mit ihren Kollegen Deli Sarsar, Benjamin Albrecht und Steffen Süß entwickelt: „Flexudy„.

Durch Quizzen effizienter und mit Spaß lernen

Die Idee zu der App kam Pascal Pierre während seines Bachelorstudiums der Wirtschaftsinformatik an der FAU, welches er 2019 abschloss. „Die Menge an Lerninhalten in den Vorlesungen war enorm. Um den Überblick zu behalten und gezielter lernen zu können, habe ich neben meinen Mitschriften auch eigene Prüfungsaufgaben erstellt, zum Beispiel in Form von Quiz“, erklärt Pascal Pierre. „Ich habe meine Unterlagen auch an Kommilitonen und Kommilitoninnen weitergegeben und die fanden vor allem die Quiz sehr hilfreich.“

Der Lerneffekt bei Abfrage und Wiedergabe der Lerninhalte sowie der spielerische Charakter erlaubten ein intensives und fokussiertes Vorbereiten auf die Prüfungssituation. So merkte Pascal Pierre schnell, dass es eine große Nachfrage für lernunterstützende Unterlagen gab. In der Vorlesung „Forschungsmethodisches Seminar“ lernte Pascal Pierre zudem die Technologie „Natural Language Processing“ (NLP) kennen. Mit Hilfe von NLP wird natürliche Sprache maschinell verarbeitet. „NLP schien mir perfekt geeignet, um Lernunterlagen anhand eines Algorithmus automatisch zu erstellen. Bei einer Umfrage unter Studierenden kam dann auch heraus, dass eine große Mehrzahl eine Smartphone-App zum Lernen nutzen würde“, erzählt Pascal Pierre. Auch in der weiteren Entwicklung von „Flexudy“ spielte die FAU eine entscheidende Rolle.

Die FAU als „Geburtsort“ von „Flexudy“

Um „Flexudy“ Realität werden zu lassen, holte Pascal Pierre zunächst Deli Sarsar, einen erfahrenen Softwareentwickler, ins Boot und nahm im Wintersemester 2018 am „5-Euro-Business-Wettbewerb“ der FAU teil. Dort lernten er und Deli Sarsar Quirin Malcherzyk kennen, der bis März 2020 Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik an der WiSo studierte. „Flexudy“ nahm nun mehr und mehr Gestalt an.

„Das wesentliche Fundament für die Entwicklung unserer künstlichen Intelligenz und des dahinterstehenden Geschäftsmodells haben wir uns an der FAU angeeignet“, bekräftigt Pascal Pierre. So hat sich an der FAU nicht nur das Team um „Flexudy“ gefunden, sondern auch das Gründerbüro der Universität war ein weiterer wichtiger Pfeiler bei der Entwicklung der App: „Hier hat man als kommendes Startup kompetente Ansprechpartner/-innen, die uns seit einiger Zeit begleiten. Wir empfinden das ganze Umfeld der FAU als gründerfreundlich“, bestätigt Quirin Malcherzyk.

Mittlerweile besteht das Team aus fünf Personen, die mit ihrer Expertise alle zum Erfolg von „Flexudy“ beitragen: Pascal Pierre, Deli Sarsar, Quirin Malcherzyk, Benjamin Albrecht und Steffen Süß. Das Team arbeitet quer über die Welt vernetzt zusammen, von München bis Kanada. Daher finden die Kommunikation im Team vermehrt online statt: „Die virtuelle Welt ist quasi unser Büro“, erläutert Quirin Malcherzyk.

Doch was genau kann „Flexudy“ nun eigentlich?

„Flexudy“ – mit KI Lerninhalte mobil erstellen, aufbereiten und zusammenfassen

Lernende Algorithmen sind das Herzstück von „Flexudy“ wie Quirin Pierre erklärt: „Mit Hilfe von KI generiert unsere Technologie aus jeglichen Lernmaterialien in verschiedenen Sprachen automatisiert Frage-Antwort-Karteikarten, Lückentexte, Zusammenfassungen und zukünftig Multiple Choice Fragen.“ Die Anwendung der App ist für die Nutzer sehr einfach. Man wählt eine Datei oder eine Webseite aus, öffnet diese in der App und der Rest geschieht automatisch.

Die Technik hinter „Flexudy“ ist da schon komplexer: Damit die App Fragen und Zusammenfassungen generieren kann, kommen verschiedene Deep-Learning-Modelle, Clustering- und Ranking-Algorithmen zu Einsatz, trainiert werden die Modelle mit frei zugänglichen Bibliotheken. „Klassischerweise werden Modelle Im Bereich NLP derart trainiert, dass sie auf einem konkreten Anwendungsfeld funktionieren“, berichtet Quirin Pierre. „Flexudy“ ist in dieser Hinsicht jedoch flexibler, da die Gründer für die App ein innovatives KI-Modell erschaffen haben, welches unabhängig von Sprache und Themengebiet korrekte Ergebnisse erzielt und so die Anwendung in vielen Fachgebieten und Sprachen ermöglicht.

Mehr Chancengleichheit in der Bildung

Mit diesen ersten wichtigen Schritten ist das Projekt „Flexudy“ aber noch lange nicht abgeschlossen. Als nächstes steht die Gründung der eigenen Firma und die kontinuierliche Verbesserung der KI an. Geplant ist, dass die App in Zukunft Fragen von Nutzerinnen und Nutzern so individuell beantwortet, dass die Antworten passgenau auf die jeweilige Person zugeschnitten sind.

Neben der Erleichterung des Lernprozesses verfolgen die Gründer von „Flexudy“ aber auch ein weitaus größeres Ziel. „Unsere App soll die Bildung revolutionieren und sie für jedermann überall zugänglich machen, sodass der Bildungserfolg losgelöst wird von Bildungsniveau der Eltern. Zudem möchten wir eine Alternative zum teilweise sehr teuren Nachhilfeunterricht sein“, sagt Pascal Pierre. „Wir wollen nichts weniger, als die Idee von Bildung, so wie sie heute ist, neu zu erfinden und diesen ominösen Elfenbeinturm niederreißen“, ergänzt Quirin Malcherzyk.


Die App „Flexudy“ kann im Google Play Store und im Apple App Store kostenfrei heruntergeladen werden. Die App ist frei von Werbung und es werden keine personenbezogenen Daten gespeichert oder an Dritte weitergegeben.

Damit die App weiter verbessert werden kann, würden sich das „Flexudy“-Team über zahlreiche Bewertungen unter support@flexudy.com freuen. Weitere Informationen finden sich auf der Homepage von „Flexudy“.

Nach seiner Ausbildung zum Industriekaufmann studierte Dr. Ralf Thomas, Jahrgang 1961, von 1988 bis 1992 am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der FAU Betriebswirtschaftslehre und promovierte danach auf dem Gebiet des Bilanzsteuerrechts. Anschließend startete der gebürtige Nürnberger 1995 bei Siemens seine Karriere und übernahm 1999 die Leitung des Bereichs Accounting and Treasury bei der Tochtergesellschaft in Südafrika. Danach folgten verschiedene Führungspositionen bei Siemens Medical Solutions. Im Jahr 2004 wurde er Leiter des Bereichs Corporate Finance Accounting, Controlling, Reporting and Taxes der Siemens AG, vier Jahre später schließlich Finanzvorstand (CFO) des Sektors Industry. Seit September 2013 ist er CFO der Siemens AG und folgt damit auf den jetzigen Vorstand Joe Kaeser. Dem Fachbereich und der FAU ist Thomas weiterhin durch einen Lehrauftrag verbunden.

Warum haben Sie an der FAU studiert und promoviert?

Die Ausbildung zum Industriekaufmann hat in mir den Wunsch geweckt, mein Wissen durch ein Studium zu vertiefen und die theoretischen Grundlagen mit dem bereits Gelernten zu verknüpfen. Als sich die Möglichkeit ergab, über eine praktische Fragestellung aus der Unternehmensrealität zu promovieren, hatte ich nicht lange gezögert. Sowohl das Studium als auch die Promotionszeit haben mir persönlich und inhaltlich wesentliche Impulse für mein späteres Berufsleben gegeben.

Wenn Sie an Ihre Studienzeit zurückdenken – worüber müssen Sie heute noch schmunzeln?

Es gab viele amüsante Momente, von denen mir einer ganz besonders in Erinnerung geblieben ist. Eines Tages im Seminar meinte einer meiner Professoren: „Herr Thomas, Sie haben ganz interessante ‚Gedankengänge‘, nur denken Sie leider hauptsächlich in ‚Werkshallen‘.“ Allzu sehr hat mir das Gott sei Dank nicht geschadet…

Sie haben einen Lehrauftrag an der Friedrich-Alexander-Universität inne. Was bedeutet Ihnen die Verbindung mit Ihrer Alma Mater?

Die Kombination von Ausbildung und Studium hat mir gezeigt, wie gut sich Theorie und Praxis verbinden lassen können. Diese Erkenntnis möchte ich an Studenten weitergeben. Ich möchte sie dazu anregen, durch eigenständiges Denken individuelle und pragmatische Lösungen zu entwickeln, um die Herausforderungen des Arbeitsalltags zu bewältigen. Ein gut strukturierter analytischer Rahmen kann dabei sehr nützlich sein, insbesondere um Probleme zu lösen, denen man erstmalig gegenüber steht.

Auch der Siemens AG sind Sie seit Ihrem Einstieg im Jahr 1995 treu geblieben. Seit September sind Sie Finanzvorstand. Was gefällt Ihnen an dieser Position besonders?

Die Kolleginnen und Kollegen in unserer weltweiten Finanzorganisation zeichnen sich durch einen beeindruckend starken Teamgeist aus. Das schätze ich sehr. Manchmal bin selbst ich überrascht, was ein kompetentes und motiviertes Team leisten kann, wenn alle am selben Strang ziehen – und in dieselbe Richtung!

Welche drei Eigenschaften muss ein Chief Financial Officer (CFO) mitbringen?

Es sind sicher mehr als drei. Persönliche Integrität ist die conditio sine qua non. Daneben sind meines Erachtens Objektivität, Offenheit, Bescheidenheit, Konsequenz und Teamgeist besonders wichtig.

Welchen Ratschlag würden Sie Absolventen für ihren Berufsstart geben?

Schärfen Sie Ihr Urteilsvermögen! Trainieren Sie es, möglichst viele verschiedene Perspektiven einzunehmen und dabei Erfahrungen zu sammeln. Dazu muss man nicht unbedingt das Unternehmen wechseln. Ganz im Gegenteil: Perspektiven-Pluralismus im gewohnten Umfeld schärft den Blick für das Wesentliche und hilft dabei, Prioritäten zu setzen!

Welche Rolle spielen Netzwerke für Sie – beruflich und privat?

Netzwerke bedeuten die Bündelung von Wissen und Erfahrung. In einer Welt, die sich ständig neu erfindet, wird es immer wichtiger, offen zu bleiben für neue, zukunftsorientierte Sichtweisen. Einzelkämpfer können da wenig bewirken. Andererseits können Netzwerke die Kompetenz des Einzelnen nicht ersetzen. Privat schätze ich mich glücklich, Menschen aus den unterschiedlichsten Berufssparten zu meinem Freundeskreis zählen zu können – vom bodenständigen Handwerker bis zum Weltklasse-Forscher.

Wenn Sie sich einen perfekten Tag vorstellen – was gehört unbedingt dazu?

Das Lächeln meiner drei Töchter.

Herr Dr. Thomas, herzlichen Dank für das Interview!

Interview: Imke Zottnick-Linster (2014)
Foto: Siemens